London-Törn 2015

SCCR September-Törn 2015: „Auf eigenem Kiel von Hoorn/NL in die City of London“

Nach vielen und auch sehr geselligen Törnvorbereitungen ist es endlich soweit! Am Freitag, den 21. August 2015 übernehmen wir unsere „Global Buccaneer“, eine 50 Fuß Bavaria mit 5 Kabinen, im neuen und noch unfertigen Hafenbecken östlich der Innenstadt von Hoorn/NL.

Wir, das sind Skipper und Fahrtenwart Friedhelm Müller, seine Frau Kerstin, Co-Skipper Reinhard Vesper und die weitere Crew mit Daniel Jenkes, Patrick Maldague und Thomas Müller. Die Sonne scheint, die Erwartungen sind groß, wie die Stimmung an Bord.

Leider hat es nicht zu einer Flotille des SCCR gereicht, aber bei zwei Wochen geht dem Urlaubskonto schon „mal die Puste aus“. Verständlich!


Am Samstagvormittag geht’s endlich los. Wir können sofort Vollzeug setzen mit Kurs Ijmuiden hinter Amsterdam durchs Markermeer und den Nordseekanal. Alles läuft super, bis plötzlich die gesamte Steueranlage heftig schlägt und nicht kontrolliert zu halten ist. War es das schon nach den ersten Seemeilen? Die erste Maßnahme Rückwärts- und Vorwärtsfahren unter Maschine bringt nichts. Also runter in die Achterkabinen, die Sperrholzverkleidung entfernen und die Steueranlage in Augenschein nehmen. Alles in Ordnung. Bevor einer ins Wasser geht und taucht, ein klärender Anruf von Friedhelm beim Bootseigner. „Im Markermeer gibt es derzeit eine regelrechte Algenpest, wahrscheinlich ist das Ruder voll davon. Ihr müsst unter Vollast länger rückwärts fahren, dann sollte das Problem verschwunden sein.“ Was wir sofort umsetzen und nach gut 30 Minuten lösen sich nach und nach locker ca. 1 ½ Kubikmeter kleinfingerdicke und lange Algen, die in der Brühe des Markermeeres vorher auch nicht ansatzweise zu erkennen waren. Geschafft!

Einige Stunden später das nächste Hinderniss, die „Amsterdam Sail“. Die größte nautische Veranstaltung der Welt wird alle fünf Jahre ausgetragen und zieht weit über eineinhalb Millionen Besucher an. Aber auch unzählige Boote aller Größen mit teils verrückten Schiffsführern, die sich offensichtlich in einem „Zustand erhöhter Lebensfreude“ befinden. Prost!

„Wahrschauen“ hat jetzt über mehrere Stunden eine besondere Bedeutung. Aber die vielen feiernden Menschen übertragen sehr schnell ihre tolle Laune auf uns und die Crew ist sich einig, „hier müsste man mitmachen können“. Plötzlich hören wir wie aus dem Nichts die aufgeregte Stimme unseres Vercharteres, der uns auf einem anderen Boot entgegenkommt : „Fender runter“.

Recht hat er. Bei diesem Wirrwar ist gute Seemannschaft, die Fender hängen zu haben, egal wie das aussieht!

Ohne weitere erwähnenswerte Vorkommnisse erreichen wir gegen 21:00 Uhr den Sportboothafen von Ijmuiden und bunkern sofort Kraftstoff und Wasser, essen schnell warm und gut. Die Navigationsvorbereitung für die Überfahrt wird erledigt, der Seewetterbericht könnte nicht besser sein: 5-6 Beaufort, zunächst Am-Wind-Kurs, gute Sicht, See 1,5 m.

Kurz nach Mitternacht gut gestärkt und in Ölzeug heißt es „Leinen los“. Die nächsten knapp 32 Stunden und 220 Seemeilen erleben wir das, was Seglerherzen höher schlagen lässt. Bootsgeschwindigkeiten von teilweise über 11 Knoten, südwestliche bis westliche Kurse am Wind bzw. mit Halbwind, Begegnungen mit der Berufsschifffahrt mit und ohne Kurswechselaufforderung (!) außerhalb bzw. „nahebei“ der Verkehrstrennungsgebiete der Nordsee zwischen den Niederlanden und England.

Montag nach Mitternacht sehen wir bei guter Sicht endlich die ersten Lichter des Festlandes, von riesigen Containerterminals, die eine Leuchtkraft haben wie ein großer Flughafen. Beleuchtete Fahrwassertonnen neben den zahlreichen Untiefen oder die Positionslichter vor allem auch von größeren Schiffen sind davor kaum auszumachen. Die Navigation für Steuermann und Navigator wird immer schwieriger, trotz Bord-GPS, Navionics und guten Seekarten. Wir erkennen schnell, dass besonderes Wahrschauen und eine ständige Kommunikation zwischen Navigation und Steuermann unbedingt erforderlich ist! Unser automatisches Identifizierungssystem AIS liefert hervorragende Informationen über den starken Schiffsverkehr.

Noch weit vor der Morgendämmerung erreichen wir die Themsemündung fast minutengenau mit dem Beginn des Hochwassers, welches uns nun die Themse „hochschieben“ soll. Einen Fluss können wir aber noch nicht erkennen, so breit ist hier die Themse. Die nächsten Stunden geht es flussaufwärts, bis wir am frühen Morgen endlich die Towerbridge in London erreicht haben.

Ein irres Gefühl! Irgendwie können wir gar nicht glauben, wie schnell wir unser Ziel erreicht haben! Freude und auch Erleichterung machen sich breit, was fehlt, ist nur noch ein Liegeplatz.

Wir versuchen es trotz Absagen in der Vorbereitungsphase, in der St Katharine Dock Marina direkt neben der Towerbridge und der davon nicht weit entfernten Limehouse Basin Marina. „No berth, sorry“ ist bei beiden Hafenmeistern die freundliche aber bestimmte Antwort. Erst später erfahren wir, warum.

So langsam macht sich etwas Niedergeschlagenheit breit, die müden Seglerbeine brauchen Entspannung. Da hat Daniel Erfolg. In der Gallions Point Marina ziemlich weit draußen können wir einen Liegeplatz bekommen. Wegen unseres Tiefgangs aber nur direkt hinter der äußerst kurzen und schmalen Schleuse. Auf Daniels Frage am Telefon an den Hafenmeister, was das für laute Geräusche im Hintergrund sind, dessen lapidare Antwort : „Aircrafts“! Egal, Hauptsache ein Liegeplatz!

Kaum haben wir angelegt, begleitet uns ein „Konzert“ von landenden Aircrafts vor dem London City Airport, gefühlt nur wenige Meter über unserem Masttop, und dem Baulärm der Großbaustelle neben der Schleuse. Egal, wir sind angekommen und nachts wird es richtig ruhig sein. Jetzt erst mal das Anlegerbier in Begleitung von Hochprozentigem und einer dicken Zigarre, vom Skipper spendiert. Sehr nobel und viele Stunden lang! Ausführlich wird die Überfahrt noch einmal „nachgesegelt“, während Patrick ein exzellentes 3 Gang-Menü mit Sirloinsteaks zaubert. Wer will jetzt woanders sein?

Am Dienstagvormittag der Aufbruch zu einer zweitägigen Sightseeingtour durch London. Die Tube wird unser geliebtes und preisgünstiges Transportmittel. Erstmal auf die Towerbridge und das Panorama genießen. Dann runter in die St. Katharine Dock Marina. Hier sehen wir sehr schnell, warum wir keinen Liegeplatz bekommen haben. Dort liegen 12 Rennyachten, die am kommenden Sonntag beim „Clipper Round the World Race“ an den Start gehen. Über 600 fast ausnahmslos Amateure nehmen an diesem einzigartigen Rennen teil und die ersten Crews haben als erstes Ziel Rio de Janeiro vor sich. Ein Event für die Stadt London und die vielen segelbegeisterten Engländer. Was soll daneben eine Bavaria mit deutschbelgischer Crew? Wir haben vollstes Verständnis (!) und genießen den Trubel rund um dieses Event und können eine der Rennyachten ausgiebig besichtigen und unsere Fragen stellen. Das macht durstig und im empfehlenswerten „The Dickens Inn“ in der Marina genießen wir erst einmal ein kräftiges Stout und Fish and Chips.

Covent Garden mit klassischer Lifemusik und Soho mit seinen unzähligen Pubs sind heute die letzten wirklich schönen Programmpunkte.


Weiter geht’s am nächsten Tag unseres Landgangs mit einer Stadtrundfahrt im Regen, dem Borough Market mit frischen Austern und natürlich dem königlichen Observatorium in Greenwich, wo sich Ost und West am Nullmeridian treffen, einem Muss für Segler mit einer fantastischen Sicht auf London! Vor dem Dunkelwerden schauen wir uns noch schnell die bekannte Cutty Sark an, den 1869 fertiggestellten Tee- und Wollklipper, eines der schnellsten Segelschiffe ihrer Zeit. Abendessen im ruhigen kleinstädtischen Greenwich, dann geht es mit dreimal Umsteigen zurück zu unserem „Schiff“.

London liegt hinter uns und mit ablaufendem Wasser geht es für mehrere Stunden die Themse runter. Wir treffen uns mit unserem neuen Segelfreund John und seiner reizenden Skipperfrau vor der Themsemündung im River Medway, der dort vor Queenborough eher einer großen Bucht ähnelt.

Ankern verboten, wir gehen mit John gemeinsam an eine schwere Boje, die wir natürlich bezahlen müssen. Dafür fährt der Hafenmeister uns am nächsten Tag mit seinem Wassertaxi an Land. Bei untergehender Sonne können wir gut sehen, dass am Abend das Bojenfeld proppenvoll ist. Wir machen uns Gedanken darüber, was dort in der Hauptsaison los ist. In der Themse gibt es außerhalb der Marinas nicht viele Liegemöglichkeiten. Dort keine Boje zu bekommen bedeutet, aufzubrechen und nach mindestens 30 Seemeilen erneut auf die Suche zu gehen.

Was müssen Segler dort im Umkreis von 100 Seemeilen unbedingt sehen und erleben? Diese Frage beantwortet John wie aus der Pistole geschossen: „In Pinn Mill the Butt & Oyster“. Der legendäre Pub für Generationen von Seglern vor Ipswich! Ok!


Am übernächsten Tag brechen wir nach Norden auf mit dem Ziel Ipswich, welches eine moderne und komfortable Marina mitten in der City vorzeigen kann. Wir bunkern frischen Proviant und am nächsten Tag geht’s mit einem Taxi nach Pinn Mill, zu Fuß leider zu weit. John's Empfehlung ist ein Treffer, gutes ehrliches Essen und mindestens vier verschiedene Stouts vom Fass, allerdings für manchen sehr gewöhnungsbedürftig! Leider zeigt sich jetzt, dass ein Crewmitglied offensichtlich erkrankt ist und unter einer starken nicht erklärbaren Schwäche leidet. Wir diskutieren und entscheiden uns, am nächsten Tag nach Lowestoft zu segeln, zumal der Seewetterbericht günstig ist und von dort die Überfahrt nach Ijmuiden kürzer ist.


Am nächsten Vormittag nach knapp 3 Stunden Segeln bei ordentlichem Seegang kommt das Aus für unser Crewmitglied, wir brechen ab und kehren zurück nach Harwich in die Shotley Marina. Die winzige Schleuse ist nur durch ein sehr enges Fahrwasser anzusteuern, der seitlich setzende Gezeitenstrom droht, uns auf Sand zu setzen. Keine Fahrt wegnehmen und bei Rot rein in die Schleuse, geschafft! Was tun, unser Crewmitglied muss unbedingt nach Hause und in ärztliche Behandlung. Zu allem „Glück“ kommt an diesem Tag noch hinzu, dass „Bank holiday“ ist. Öffentliche Verkehrsmittel sind nur stark begrenzt im Einsatz, Geschäfte und Fahrzeugvermietungen sind geschlossen, die Fähre Harwich-Ijmuiden kommt nicht in Frage. So'n Schit! Das beste wäre ein Flug, aber London ist weit weg. Da kommt Hilfe von englischen Seglern, die neben uns in der Box liegen. Sie müssen ihre Tochter nach Gatwick fahren und erklären sich bereit, unser Crewmitglied mitzunehmen. Nachts weit nach 23:00 Uhr hebt das Flugzeug von Gatwick aus ab in Richtung Köln-Bonn, wir sind erleichtert. Was wäre passiert, wenn sich der Gesundheitszustand draußen auf der Nordsee weiter verschlechtert hätte? Tage später bestätigte sich, dass die Gefahr für unseren Mitsegler größer war, als jeder von uns es überhaupt einschätzen konnte. Eine Erfahrung für die Zukunft!


Mit jetzt kleinerer Crew treten wir am nächsten Tag die Rückreise an. Der Seewetterbericht kündigt Starkwind mit einigen Tiefdruckgebieten an, die lokal sind und von uns gut ausgemacht werden können. Wir haben Glück und sehen diese Wetterstörungen in genügendem Abstand an uns vorbeiziehen. Manöver zum Reffen bleiben so die Ausnahme. Die Windrichtung ist so gut, dass wir direkt Texel ansteuern können und die 154 Seemeilen in knapp 27 Stunden schaffen. Am nächsten Tag kurz nach Mittag machen wir in Oudeschild fest und stärken uns mit „TX 50-Krabben“ (steht so auf dem Kassenbon) und Matjes. „TX 50“ sind die Registrierungszeichen des Krabbenkutters, der uns diese Köstlichkeit aus dem Wattenmeer gefangen hat. Wieder dazu gelernt!


Die nächsten 46 Seemeilen am letzten Törntag von Texel nach Hoorn durch die Schleuse Den Oever und Enkhuizen vergehen „wie im Flug“. Die Fahrt durchs Ijsselmeer bei 4-5 Beaufort und mäßiger Welle kommt uns irgendwie unwirklich vor, so als wenn man in einem größeren Swimmingpool segeln würde. Nach über 400 Seemeilen bei Tag und Nacht auf der Nordsee sicherlich verständlich.


Am 04. September geben wir unsere „Global Buccaneer“ unversehrt nach insgesamt 595,8 Seemeilen an den Eigner zurück. Glücklich und mit vielen neuen Erfahrungen und Eindrücken!

Die Freundlichkeit der Engländer hat uns beeindruckt und ist eines der Highlights unseres Törns gewesen. Skipper Friedhelm Müller hat mit seiner akribischen Vorbereitung und Souveränität ganz wesentlich zum Gelingen beigetragen, und das bei 6 Skippern an Bord! Danke dafür!

Das Wetter hat uns „in die Karten gespielt“, wie wir es nicht zu hoffen wagten. Glück gehabt! Unser erkranktes Crewmitglied ist vollends genesen und fitter den je, eigentlich das Wichtigste!

Auf eigenem Kiel in die City of London“ ist unsere uneingeschränkte Empfehlung!


Reinhard Vesper